Donnerstag, November 30, 2017

Die Sache mit dem Wildschwein

Ich habe hier ja die bisher hier sträflicherweise noch nie ezählte Wildschweingeschichte erwähnt.
Heute scheint mir ein guter Tag zum Geschichtenerzählen (nicht zu verwechseln mit „Storytelling“, nech? :-)), also los gehts.

Mein allererster Chef war/ist bekanntermassen ein Original. Unter anderem lud (und lädt) er eine nach nicht voll und ganz nachvollziehbaren Kriterien ausgewählte Truppe aus (ex)Mitarbeitern, Kollegen, Freunden und Zufallsbekanntschaften regelmässig zu Weihnachtsessen im elsässischen Outback, wo er lebt, ein.
Er ist gebürtiger Zürcher, arbeitet seit immer in Basel, lebt seit ewig im Elsass (er bezeichnet sich selber als Ehrenschwabe, weil er stolz drauf ist, wie er Steuern und Lebenshaltungskosten optimiert), hat eine Wohnung im Wallis (Skifahren in den Quatre Vallees! Eine andere Quelle für viele Geschichten) und ein Häuschen im Tessin. In diesem Häuschen hat er vor ein paar Jahren das Bad neu gemacht und als Ehrenschwabe macht man das natürlich selber, mit der Hilfe eines Nachbarn aus dem Elsass, mit Fliesen und sonstigem Material, das man mehrwertsteuerfrei auf der deutschen Seite der Grenze beim grossen Hornbach gekauft hat.

Für die Fahrt ins Tessin mit all dem Material hat man sich beim Hornbach auch noch einen Transporter übers Wochenende ausgeliehen. Allora, nach einem arbeitsamen Wochenende mit dem elsässischen Nachbarn im Tessin ist mein Exchef also im Hornbachlaster Sonntag nacht auf dem Heimweg ins Elsass. Mitten im finsteren (und da ist es wirklich, wirklich finster!) Wald, gegen halb 12, tut es einen Schlag und sie haben ein Wildschwein erwischt. Eine erste Inspektion ergibt: Wildschein tot, Auto ok. Die korrekte und legale Reaktion wäre nun: Polizei rufen, die den Unfall aufnimmt, dem Wildschwein die Augen schliesst, den Tod des Wildschweins bestätigt, das Tier entsorgt, alles für die Versicherung aufnimmt, heimfahren, fertig. Das würde aber auch bedeuten: Sonntag nacht im finstersten Wald vermutlich mehrere Stunden auf die Polizei warten, die Knochen der älteren Herren schmerzen eh schon vom Fliesenlegewochenende, dann das Versicherungsdrama, im Bett wäre man vermutlich nicht vor drei Uhr morgens, das Auto ist eh ok, das Tier ist tot und da gibt es so viele gute Rezepte für Wildschwein.....

Die beiden schauen sich an und entscheiden, es vom Gewicht des Wildschweins und ihren Kräften abhängig zu machen: Wenn sie das Tier in den Lieferwagen bekommen, dann nehmen sie es mit und gut is, wenn nicht, dann halt die ganze Geschichte mit Polizei. Als sie diesen Entschluss gefasst haben, nähern sich auf einmal Scheinwerfer durch den finsteren Wald. Obwohl sie bisher noch nichts strafbares getan haben (das passiert erst, sobald das Tier im Auto ist), haben sie ein mächtig schlechtes Gewissen, zerren das Tier hinter den Lieferwagen, ausser Sichtweite eines vorbeifahrenden Autos (jetzt wissen sie auch, das sie es bewegen können), einer von ihnen tut so, als müsse er am Strassenrand ein dringendes Bedürfnis erledigen, der andere wartet scheinbar ungeduldig im Auto, sie halten die Luft an.... phew, der andere nächtliche Autofahrer fährt uninteressiert weiter. Als die Scheinwerfer im dunklen Wald nicht mehr zu sehen sind, springen sie beide raus, packen das Wildschwein und werfen es in den Hornbachlaster.

In der Zwischenzeit hat der Nachbar, der nicht nur fliesenlegen kann, sondern auch Metzger war, bevor er in den Ruhestand ging, seine Frau zu Hause angerufen: „Eloise, bereite die Garage vor, wir werden heute nacht ein Wildschwein zerlegen.“. Mein Chef ruft seine Frau an: „Eve, schau bitte, dass in der Gefriertruhe genug Platz ist, ich komme ein bisschen später als gedacht, aber ich bringe ein halbes Wildschwein mit.“ In Frankreich ist die Gesetzeslage nämlich anscheinend so, dass dem Jäger automatisch die Hälfte des Wilds gehört und nachdem mein Chef den Hornbachlaster zum fraglichen Zeitpunkt gefahren hat, steht ihm das ja wohl zu.

Sie fahren also mit der illegalen Fracht sehr vorsichtig die letzten Kilometer nach Hause zum Nachbarn, zerlegen im Morgengrauen die Wildsau, füllen die Gefriertruhe bis unter den Rand und der Speiseplan für die nächsten Weihnachtsessen wird angepasst, am Montag morgen wird der Hornbachlaster bei Licht überprüft, letzte Haare rausgezupft, und abgegeben.

Ich bin ja an sich kein Wildfan (mein Opa war Jäger und wir mussten ganz oft Reh oder Hase essen und die zwischen den Zähnen knirschenden Schrotkörner waren mein geringstes Problem...), aber das Hornbachwildschweingulasch gehört zu den leckersten Dingen, die ich je gegessen habe. Vermutlich auch wegen der Geschichte dahinter.




Selbstbeweihräucherung, Tag 2: und schon fällt es schwer, weil eigentlich war doch alles, was ich heute gemacht habe, einfach mein Job.
Ich habe in einem Meeting einen Kollegen direkt in der Einleitung abgewürgt (das klingt jetzt noch nicht so toll), weil ich merkte, dass er von falschen Voraussetzungen ausgeht, ihm kurz erklärt, wie der Status tatsächlich ist und das hat uns ca 30 Minuten gespart.
In der TC mit den Italienern, vor der ich tatsächlich Bammel hatte, habe ich es geschafft, keine fast keine nur wenige blöde Witze zu machen, stattdessen sind wir durch alle Lessons learned durch, haben einen Plan und ich konnte klar machen, was wir erwarten und dass sie liefern müssen wie vereinbart. Ich habe es geschafft, weder in "Ihr habts verbockt, ihr reparierts" und dem (kurzfristig einfachen, aber langfristig nicht machbaren) "Kommt, ich mach das alles für Euch, dann gehts schneller" zu verfallen.


Geht doch,

Kommentare:

Iris hat gesagt…

Vielleicht sollten Sie es nicht "Selbstbeweihräucherung" nennen sondern "Selbstlob" oder ähnliches, damit es positiver klingt und somit einfacher ist? Selbstbeweihräucherung klingt ja schon so negativ, dass man gar nix damit zu tun haben will...

Anonym hat gesagt…

Liebe Frau Brüllen, vielen Dank, die Wildschweingeschichte made my day.
Maike Paul

Frau Brüllen hat gesagt…

@iris: "self praise" ware der korrekte Ausdruck. Und ob nun ironisch "Beweihräucherung" oder "Selbstlob", das ist ja wurscht, es geht drum, sich zuzugestehen (und noch schwerer: anderen zu sagen!), dass man nicht nur normal macht und tut, sondern gut. Das ist schwer für mich, egal, wie ich es nenne.

Melanie Babst hat gesagt…

Kennst du "Der Pfau" von Isabel Bogdan? Da musste ich jetzt anhand der Wildschweingeschichte spontan dran denken 😊. Schönes Wochenende.